Probleme im konventionellen Baumwollanbau
Baumwolle deckt die Hälfte des globalen Faserbedarfs. Zusätzlich zu den sechs größten Produzenten (China, USA, Indien, Pakistan, Usbekistan, Türkei) wird Baumwolle in über 60 Ländern kultiviert. Sie ist eine wichtige Einkommensquelle für Millionen von Kleinbauern und trägt maßgeblich zur nationalen Ökonomie vieler Entwicklungsländer bei.
Die globale Baumwollanbaufläche hat sich seit den 1930er Jahren kaum verändert. Hingegen haben sich aufgrund der intensiven Nutzung synthetischer Agrar-Chemikalien, der Bewässerung und des Anbaus von Hochertragssorten die Ernteerträge verdreifacht. Konventionelle Baumwolle ist sehr anfällig für Insekten. Daher werden große Mengen hoch toxischer Insektizide zur Baumwollproduktion eingesetzt. Ca. 25 Prozent des weltweiten Insektizidmarktes und ca. 10 Prozent des globalen Pestizidmarktes entfallen auf Baumwolle. Die intensive Nutzung toxischer Insektizide und anderen gefährlicher Chemikalien im Baumwollanbau haben ernste Folgen für Gesundheit und Umwelt, beispielsweise Vergiftungen von Landwirten und Feldarbeitern, Verunreinigungen von Wasser, und auch das massenhafte Sterben von Vögeln und Fischen.
Bio-Baumwolle verbessert die Situation für Gesundheit und Umwelt
Die negativen Auswirkungen der intensiven Landwirtschaft sind derart schwerwiegend, dass in den letzten Jahren die Notwendigkeit für Veränderungen bemerkbar gestiegen ist. Der Trend zu umweltfreundlicheren Produktionsmethoden wird von vielfältigen Interessensgruppen unterstützt, unter anderem von Landwirten, die der chemischen Tretmühle entkommen wollen, von Unternehmen, die dem zunehmenden Wettbewerb und Umweltauflagen ausgesetzt sind, und von informierten Konsumenten, die nach größerer sozialer und umweltorientierter Verantwortung verlangen. Das wachsende Verbraucherinteresse an ökologisch produzierten Lebensmitteln dehnt sich derzeit auf andere Bereiche der ökologischen Landbewirtschaftung aus, darunter auch die ökologische Erzeugung von Baumwoll-Fasern.
Bio-Baumwolle wird in kontrolliert biologischen Landwirtschaftssystemen nach klar festgelegten Standards angebaut. Kontrolliert biologische Landwirtschaft verbietet die Nutzung von toxischen und persistenten chemisch-synthetischen Pestiziden und Düngemitteln, sowie die Verwendung gentechnisch veränderter Organismen. Der kontrolliert biologische Anbau strebt danach, biologisch diverse landwirtschaftliche Systeme aufzubauen, die Bodenfruchtbarkeit zu regenerieren, aufrechtzuerhalten und eine gesunde Umwelt zu fördern.
Zertifizierung von Bio-Baumwolle
Die Zertifizierung der Bio-Baumwollproduktion verleiht dem Endprodukt Glaubwürdigkeit, versichert dem Käufer den Bio-Status des Produkts und unterstützt die Zahlung von Bio-Prämien an die Landwirte, die sich im biologischen Anbau engagieren. Die Zertifizierung ist ein System, das Standards setzt und sicherstellt, dass diese Standards eingehalten werden. Durch entsprechende Kennzeichnung wird dem Verbrauchern diese Einhaltung mitgeteilt. Wenn ein Landwirt oder weiter verarbeitende Betriebe " kontrolliert biologisch" zertifiziert sind, so hat eine unabhängige Organisation dem Landwirt bzw. dem Betrieb bestätigt, dass dieser den definierten Standards entspricht oder diese sogar noch übertrifft. Zertifizierte (Landwirtschafts-)Betriebe werden regelmäßig inspiziert und müssen umfassende Aufzeichnungen über ihre Produktionsmethoden führen.
Zertifizierungsprogramme und Standards variieren in Abhängigkeit von regionalen Unterschieden, unterliegen jedoch bestimmten Grundkonzepten. Die Internationale Vereinigung der Ökologischen Landbau Bewegung IFOAM (International Federation of Organic Agriculture Movements) hat Basis Standards erarbeitet, die ökologische Landbewirtschaftung und auch die Verarbeitung von Textilien definieren. Diese dienen als Grundbasis, auf denen Standards in vielen Ländern fußen. Weiterhin existiert der Internationale Ökologische Akkreditierungsservice IOAS (International Organic Accreditation Service), der Zertifizierungssysteme genehmigt. Weltweit gibt es zahlreiche Zertifizierungsorganisationen, die den ökologischen Anbau von Baumwolle kontrollieren. Die Weiterverarbeitung der Bio-Baumwolle wird im Moment noch von weitaus weniger Organisationen überprüft. Diese Zertifizierungssysteme stellen sicher, dass die Risiken für Gesundheit und Umwelt deutlich reduziert werden. Für den Bereich der Verarbeitung gibt es in Europa verschiedene ausgearbeitete Standards, beispielsweise von KRAV, SKAL, IVN oder neuerdings Soil Association, und weitere Standards werden weltweit entwickelt.
Der expandierende Markt für kontrolliert biologische Baumwolle
Aktuell wird Bio-Baumwolle in 17 Ländern angebaut. Dennoch repräsentiert sie nur einen winzigen Bruchteil der globalen Baumwollproduktion, nämlich ca. 0,1 Prozent. Die größten Produzenten ökologisch angebauter Baumwolle sind die Türkei, die Vereinigten Staaten, Indien und Peru. Gleichzeitig nimmt die Zahl von Pilotprojekten sowie die von ihnen bebaute Flächen weiter zu.
Es gibt Anzeichen dafür, dass sich Bio-Baumwolle aus der Nische heraus in den Massenmarkt bewegt, denn es zeichnet sich ein wachsendes Interesse von Seiten der Supermärkte und großer Unternehmen ab. Einige Bekleidungs- und Textilunternehmen sind daran interessiert, kleinere Mengen ökologisch angebauter Baumwolle mit konventioneller zu vermischen (sog. Blending). Der Kauf von Bio-Baumwolle für derartige Programme erweitert den Anbau ökologisch produzierter Baumwolle.
Marktführer im Verkauf von Textilien aus biologisch angebauter Baumwolle sind Patagonia (USA - Outdoor- und Sportbekleidung), COOP Schweiz (alle Arten von Bekleidung), Otto (Deutschland - Versandunternehmen), Nike (USA- Sportbekleidung) und Hess Natur (Deutschland - mittelständisches Versandunternehmen). Zudem gibt es eine große und weiter wachsende Anzahl kleiner Unternehmen, die im Bereich Bio-Baumwolle involviert sind. Gleichfalls hat das Angebot verfügbarer Produkte zugenommen, ebenso wie deren Vielfalt, die sich in diesem Verzeichnis gut widerspiegelt. Die Produktpalette beinhaltet mittlerweile alle Arten von Damen-, Herren-, und Kinderbekleidung, Produkte für Gesundheit und persönliche Hygiene, Haushaltsbedarf (Matratzen, Bettwäsche, Badzubehör, Tischdecken und Accessoires) und Stoffe, Spielzeug und Windeln und sogar Bürobedarf und andere Papierwaren.
Allgemein befindet sich der Textilbereich in einem zuvor noch nie erreichten (Preis-) Wettbewerb. Viele Unternehmen versuchen einen Wettbewerbsvorteil durch die Qualität ihrer Produkte und eine ökologische Ausrichtung zu erreichen. Mit dem Verwenden von Bio-Baumwolle können diese Ziele erreicht werden. Allerdings stellt es eine große Herausforderung dar, die Vorteile für Gesundheit und Umwelt durch den Anbau von Bio-Baumwolle und deren Verarbeitung dem Konsumenten gegenüber derart zu kommunizieren, dass sich sein Interesse auch in der Kaufentscheidung für solche Produkte widerspiegelt.
Vor diesem Hintergrund stellt die weitere Marktentwicklung, die sowohl durch ein stärkeres Verbraucherbewusstsein als auch durch eine wachsende Bio-Baumwollproduktion beeinflusst werden, ein weiteres wichtiges Kapitel der Bio-Baumwoll-Geschichte dar.
Weitere Informationen in deutsch finden Sie bei PAN Germany und den Internetseiten des Arbeitskreis Organic Cotton beim Forschungsprojekt Virtual Ecological Communities und in englisch bei PAN-UK und PANNA.
